Das Richtige entwickeln: Pretotyping vor Prototyping

Schon vor dem Prototyping wissen, ob die neue Produktidee in die richtige Richtung geht? Ist doch gar nicht möglich! Doch, ist es – mit Hilfe von Pretotyping!

Pretotyping ist keine neue Methode, sondern wurde bereits 2011 von Alberto Savoia, einem ehemaligen Google-Mitarbeiter, ins Leben gerufen. Savoia entwickelte den Begriff "Pretotyping" aus den Worten “pretend" und “prototyping" und schließt damit die Lücke zwischen der Idee und dem eigentlichen Prototypen eines Produkts.

Beim Prototyping wird versucht, zu klären, wie das Produkt entwickelt werden kann, oder ob es so funktionieren wird, wie gedacht. Man kann beliebig viel Zeit und Geld in einen guten Prototypen investieren. Umso schlimmer ist es, wenn das Produkt floppt oder gar nicht erst in die Entwicklung kommt.

Das Pretotyping setzt, wie der Name schon sagt, noch vor dem Prototyping an. Es geht um die Frage, ob die Produktidee selber einen Mehrwert bietet und ob Kunden das spätere Produkt tatsächlich kaufen würden.

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Savoia geht es darum, sich mit Pretotyping bereits im Vorfeld Gedanken über das Produkt zu machen und aus Fehlern zu lernen. Der Erfolg des späteren Produkts, soll bereits vor der Entwicklung eines Prototypen ausgetestet und die Gefahr, dass das spätere Produkt bei den Nutzern doch durchfällt, minimiert werden. Dazu wird ein Pretotyp sehr schnell entwickelt, es wird nicht wie bei einem Prototypen viel Zeit investiert – schnell bedeutet in diesem Fall tatsächlich innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen.

Der wesentliche Vorteil des Pretotypings ist, dass man sich bereits vor der Entwicklung Gedanken über mögliche Resultate macht. Wenn man das Scheitern des Produkts in Erwägung zieht, dann ist der Frust später nicht so groß und es bleibt genügend Motivation übrig, um einen anderen Weg einzuschlagen.

6 Methoden des Pretotpings

Make sure – as quickly and as cheaply as you can – that you are building the right it before you build it right.
(Alberto Savoias Definition von Pretotyping)

Savoias zentraler Punkt in seinem E-Book “Pretotype It” ist das “It”. Es kommt darauf an, “was” man entwickeln möchte, weniger auf das “wie” es entwickelt werden soll. Bevor man mit etwas beginnt, sollte man sich sicher sein, dass es auch das Richtige – “the right it” – ist. Manchmal reicht es sogar schon, anderen von seiner Idee zu erzählen, denn auch hierbei handelt es sich um eine Form des Pretotypings.

Savoia stellt in seinem E-Book mehrere, einfache Methoden des Pretotypings vor, die weder viel Zeit noch hohe Kosten in Anspruch nehmen und leicht umgesetzt werden können:


  • The Mechanical Turk: Ersetze Computer oder Maschinen durch einen Menschen und spare so erhebliche Kosten.
  • The Pinocchio: Baue eine nicht-funktionale, "leblose" Version des Produkts und spiele die Funktionen damit durch.
  • The Minimum Viable Product (or Stripped Tease): Erstelle eine funktionale, aber auf das absolute Minimum reduzierte Version des Produkts.
  • The Provincial: Teste deine Idee erst mit einer kleinen Stichprobe, bevor du es weltweit bekannt machst.
  • The Fake Door: Erstelle einen Zugang zu dem Produkt, ohne das Produkt selbst zu bauen (z. B. einen Link oder Werbung auf einer Webseite).
  • The Pretend-to-Own: Leihe dir bereits existierende Produkte aus und teste sie, bevor du viel Geld in deine Idee steckst.
  • The Re-label: Setze dein Logo auf ein existierendes Produkt und tue so als sei es deins.

Das IBM Speech-to-Text-Experiment

Mit einem Beispiel macht Savoia deutlich, was durch Pretotpying erreicht werden kann:

Bei dem IT-Berater IBM kam bereits vor Jahrzehnten das Thema "Speech to Text" auf. Das computergestützte Wandeln von gesprochenem Wort in geschriebenen Text war von da an auf dem Radar des Unternehmens. Es war schnell klar, dass es sich um eine revolutionäre Entwicklung handeln würde. Was jedoch nicht klar war, war wie viele Ressourcen man investieren sollte. Aus diesem Grund wollte man mit Hilfe eines Prototypen Feedback von potenziellen Nutzern eingeholen – den gab es jedoch leider noch nicht. Also entschloss man sich bei IBM dazu, einen Prototypen zu faken, um ihre Idee austesten zu können. Sie führten also sozusagen ein Pretotyping durch.

Die Testpersonen wurden in einen Raum vor ein Mikrophon gesetzt und alle ihre Spracheingaben erschienen nahezu in Echtzeit auf einem Monitor – allerdings natürlich noch nicht durch eine “Speech to Text”-Funktion, sondern weil jemand in einem Nebenraum die gesprochenen Worte direkt in den Computer eingab. Die Testpersonen waren von dem Ergebnis begeistert, doch auch Nachteile, z. B. die Nutzung bei lauten Umgebungsgeräuschen, kamen zum Vorschein.

Das Ergebnis des Pretotypings war also, dass es sich um ein gutes und innovatives Produkt handelt, welches jedoch nicht in jeder Situation verwendet werden kann. Diese und zahlreiche andere Erfahrungen nahm IBM auf und entwickelte auf ihnen basierend die “Speech to Text”-Funktion, allerdings mit viel weniger Ressourcen als zunächst geschätzt.

Savoia leitete aus diesem Beispiel den Grundsatz "Fake it before you make it" ab.

Darüberhinaus stellt er ein Manifest zusammen, in welchem er die wichtigsten Prinzipien des Pretotypings nennt.

Das Pretotyping-Manifesto

Das “Pretotyping Manifesto” wurde durch das “Agile Manifesto” und dem “Unleash the Innovators Manifesto  inspiriert. Letzteres entwickelte Alberto Savoia im Jahr 2009 bei Google. Savoia beschreibt die Philosophie des Pretotypings in seinem Pretotyping-Manifest folgendermaßen:

  • Innovators beat ideas: Nicht die Idee, sondern der innovative Mensch hinter ihr ist wichtig. Gute Ideen sind noch lange keine guten Innovationen.
  • Pretotypes beats productypes: Je früher desto besser – Produktkonzepte sollten früh getestet werden.
  • Now beats later: Je früher man feststellt, dass eine Idee nicht funktioniert, umso besser. Es spart Geld, Frust und Zeit.
  • Doing beats talking: Testen ist besser als langes Drumherumgerede.
  • Simplicity beats features: Ein einfacher Prototyp mit den notwendigen Merkmalen ist besser, als ein aufwändiger mit unnützen Features.
  • Commitment beats committees: Austausch und Vereinbarungen mit anderen sind wichtig.
  • Data beats opinions: Daten lügen nicht, wohingegen man über Vermutungen und Meinungen streiten kann.

Da es sich bei dem Manifest um ein lebendes Artefakt handelt, wird es stetig verändert und erweitert. Mittlerweile sind bereits einige Prinzipien, wie z.B. “don’t finish what you’ve started” oder “failure is an option” dazu gekommen.

Auch Methoden wie Design Thinking oder Lean Startup folgen dieser Philosophie.

Pretotyping: Ja oder nein?

Die Methode des Pretotypings kostet weder viel Geld noch Zeit, sondern spart beides unter Umständen sogar ein. Es handelt sich um eine einfache Möglichkeit, seine neuen, innovativen Ideen zu testen und Feedback einzuholen. Ob man nun Methoden und Frameworks wie Scrum, Design Thinking, Usability Engineering oder Lean Startups nutzt, Pretotyping folgt den gleichen Prinzipien und lässt sich perfekt einbauen und ergänzen.

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Über Katharina Lattenkamp

Katharina Lattenkamp vereint die Rollen des Usability Engineers und Product Owners bei der itemis AG. Sie unterstützt Kunden bei der Planung und Durchführung von Usability-Maßnahmen in agilen Softwareentwicklungsprozessen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Agile Methoden, Usability Testing und Agile UX.