Ein Lied vom Scheitern: Intro zur Fehlerkultur

Als Software Craftsman ist das Ziel und das Selbstverständnis meiner Arbeit klar:
Ich will handwerklich hervorragende Software entwickeln und herausragende Ergebnisse erzielen, die zu den Bedürfnissen meines Kunden passen.

Fehler sollten in diesem Zusammenhang nicht passieren und ich versuche, sie zu vermeiden. Dennoch mache ich Fehler – und nicht nur einen, sondern mehrere; und das jeden Tag. Doch was bedeutet das eigentlich für mich? Wie kann ich mit dieser Erkenntnis umgehen?
Ich könnte in jedem Einzelfall in Frage stellen, ob es sich überhaupt um einen Fehler handelt und dass ich die Verantwortung für die Entstehung des Fehlers trage.

Das trägt vielleicht dazu bei, dass ich mich besser – weil nicht mehr schuldig – fühle.
Aber hilft mir das auf Dauer? Die Fehler werden dadurch ja nicht weniger, häufig mache ich sogar denselben Fehler immer und immer wieder.

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Warum stört es mich eigentlich, wenn ich Fehler mache?

Es ist mir wichtig, dass ich mich gut fühle. Fehler geben mir das Gefühl, dass ich nicht gut (genug) bin und können mein Selbstwertgefühl negativ beeinflussen. Schlechte Gefühle und negative Urteile über mich selbst wiederum versuche ich zu vermeiden – das ist nur menschlich.
Ich muss mir allerdings eingestehen, dass ich die Kommunikation von Fehlern in meine Richtung schnell als persönlichen Angriff verstehe. Für mich wird häufig aus “Da ist etwas falsch gelaufen” ein “Du machst Dinge falsch” , daraus ein “Du bist Schuld”, das dann in “Du bist weniger wert als andere” endet.
Dieser Gedanke ist unerträglich für mich. Was also auch immer schief läuft, es ist einfach nicht meine Schuld.

Was ist das überhaupt, ein Fehler?

Eine bestehende Definition des Begriffes „Fehler" lautet “die Nichterfüllung einer Anforderung”.

Das heißt nach meinem Verständnis: Wenn ich einen Fehler gemacht habe, gibt es eine Anforderung, sei es von meiner Seite oder von einer anderen Person, die nicht erfüllt wurde. Also gibt es jemanden, der etwas braucht und dies nicht bekommen hat.

Die Anforderung bleibt bestehen

Egal, wie deutlich ich klarstelle, dass mich keinerlei Schuld trifft, das Problem, welches durch den Fehler entstanden ist, also z. B. die Nichterfüllung einer Anforderung, bleibt bestehen und muss auch weiterhin gelöst werden.
Schauen wir uns dazu ein Beispiel aus der Luftfahrt an:

Wenn es in einem Passagierflugzeug zu einem Problem kommt, dann sind in den seltensten Fällen die Piloten oder andere Insassen dafür verantwortlich.
Wenn der Pilot im Fall eines ausgefallenen Triebwerkes die Passagiere über seine Sichtweise bezüglich der Verantwortung für den Ausfall informierte, wie hilfreich wäre das wohl?

“Liebe Passagiere, wir haben das hier im Cockpit gemeinsam besprochen und sind uns sehr sicher, dass uns keinerlei Schuld trifft.”

Eine solche Aussage dürfte wohl kaum zur Beruhigung der Passagiere beitragen – oder sogar zur Lösung des Problem beitragen.

Es braucht eine Fehlerkultur

Stattdessen hat die Luftfahrt (zumindest in großen Teilen) einen beachtenswerten Umgang mit Fehlern entwickelt. So versuchen die Piloten, beim Auftreten eines Problems nicht als allererstes heraus zu finden, wer schuld ist, sondern das Problem zu beseitigen und einen sicheren Weiterflug zu gewährleisten.
Ist die Situation stabilisiert worden, so wird genauestens analysiert, was schief gegangen ist.

Dabei stehen die folgenden Fragen mit Mittelpunkt:

   • Was ist passiert?
   • Wie ist es dazu gekommen und was können wir daraus lernen?
   • Was können bzw. müssen wir tun oder ändern, um solche Probleme künftig zu vermeiden?

Was mir dabei auffällt, ist, dass „Wer ist Schuld?” überhaupt nicht Teil dieser Fragen ist.
Wozu auch? Eine Antwort auf diese Frage, wird das Problem nicht lösen oder verhindern, dass es nicht wieder auftritt.

Also – was tun?

Ich will möglichst wenig, am besten gar keine Fehler machen.

Leider bin ich aber nicht perfekt. Das muss ich einsehen. Daran werde ich auch nie etwas ändern können. Von Zeit zu Zeit werde ich Fehler machen.
Ziel kann somit nur sein, Fehler zu vermeiden und die Menge an Fehlern zu verringern. Ich kann versuchen, die Angst davor zu verlieren, Fehler zu machen. Ich will akzeptieren, dass ich nicht perfekt bin und lernen, mit Rückschlägen konstruktiv umzugehen.
Gut reflektierte Fehler eröffnen Chancen: Chancen zu lernen, Chancen zu wachsen; und als solche möchte ich sie begreifen.

Ich nehme mir vor, Fehler, die ich mache, aber auch Fehler, die die mich umgebenden Menschen machen, nicht auf die persönliche Ebene zu beziehen.
Darüber hinaus möchte ich langfristige Lösungen für bestehende Probleme finden.

Daher will ich versuchen, Probleme so zu betrachten, wie Piloten es tun:
Was ist passiert, was kann ich lernen, was kann bzw. muss ich ändern?

Mit dieser Mentalität versuche ich auch, Probleme zu betrachten, mit denen ich tatsächlich nicht in direkter Beziehung stehe. Ich weiß: Nicht nur ich, sondern auch meine Teammitglieder, meine sonstigen Kollegen, ja alle Menschen werden Fehler machen.
Und ich weiß: Die durch diese Fehler entstandenen Schwierigkeiten gemeinsam zu überwinden, wird nur möglich sein, wenn wir die Fehler frei von Schuldzuweisung lösungsorientiert analysieren, beheben und aus ihnen lernen.

Ein solches Verständnis von Fehlern als Chance für positive Veränderung und nicht als Grund für Schuldzuweisungen ist die Basis für eine funktionierende Fehlerkultur, die nicht nur ganz allgemein jedem Team zu Gute kommt, sondern ohne die Ideale, wie etwa Software Craftsmanship, nicht verfolgt werden können.

Über Olaf Gunkel


Olaf ist Fullstack Software Craftsman und Head of Web Engineering bei itemis. Sein Fokus liegt auf Software Craftsmanship, Codequalität und Agilität. Er veröffentlicht Artikel und sprich regelmäßig auf Veranstaltungen zu Software Craftsmanship, Mikroservices und Test-Driven Development.