Smart Home im Auto: Warum Car-Apps keine gewöhnlichen Apps sind

Sommerferien: Draußen sind 35°C, die Klimaanlage pfeift aus allen Löchern, jede Minute könnte der gefürchtete Vollstau drohen, im hinteren Teil des Wagens heulen die Kinder lauthals mit dem Hund um die Wette und dann auch noch der Klassiker: “Schatz, ich bin mir nicht sicher, ob ich den Herd ausgeschaltet habe”. Den modernen Autofahrer bringt das natürlich nicht aus der Ruhe. Auf dem Display seines Board-Computers öffnet er seine Smart-Home-Car-App und wirft via Webcam einen Blick auf die Brandruine Küche.

Zusammen mit der Deutschen Telekom haben wir Smart Home bereits ins Auto gebracht – genauer gesagt in den neuen eGolf. Aus dem Fahrzeug heraus können bekannte Magenta-SmartHome-Funktionalitäten wie das Schalten von Situationen (bei denen z.B. die Einstellungen von Licht und Heizung für einen gemütlichen Fernsehabend auf der Couch schon vorkonfiguriert sind), das Betrachten von Kameras sowie das Coming-Home-Feature, das automatisiert Heizungsprofile schaltet, sobald man sich in der Nähe seiner Wohnung befindet, genutzt werden.

Doch wo liegen im Vergleich zu gewöhnlichen Mobile-Apps die Stolpersteine bei der Entwicklung einer solchen Anwendung für's Auto? Wir versuchen uns anhand von drei kurzen Fragen, einen Überblick über das Thema “App im Fahrzeug” zu verschaffen.

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Welche Car-Apps-Technologien gibt es?

Auf dem Markt gibt es derzeit drei Hauptkonkurrenten: Apple mit CarPlay, Google mit Android Auto und MirrorLink. Die beiden Marktführer Apple und Google beschränken sich bei mobilen Apps im Auto derzeit noch auf die Bereiche Audio, Messaging und VoiP – Smart-Home-Lösungen sind aktuell nicht möglich. Auch Gestaltungsfreiraum wird kaum bis gar nicht angeboten, stattdessen bedient man sich für die genannten Anwendungsfälle vorgefertigter User Interfaces. Das bedeutet: Angepasst werden kann in diesem Fall nur die Funktionalität der Anwendung, aber nicht ihr Erscheinungsbild.

Mehr Flexibilität bietet hier der MirrorLink-Standard der sogenannten Car Connectivity Consortiums (CCC), der ebenfalls auf Android basiert und eine freie Gestaltung der Benutzeroberfläche der Anwendung erlaubt, so wie man es auch von klassischen Apps gewohnt ist. Zudem sind MirrorLink-Apps nicht nur auf die Bereiche Audio, Messaging und VoiP beschränkt, sie erlauben es außerdem auf (ausgewählte) Telemetrie- und Positionsdaten des Fahrzeuges zuzugreifen. Nachteilig bei MirrorLink ist allerdings, dass es nur von einer Auswahl an Smartphones unterstützt wird.

Was muss ich bei der Gestaltung einer Car-App beachten?

Grundsätzlich ist zu sagen, dass man bei der Entwicklung von Car-Apps im Bereich UX/UI stark in seinen Möglichkeiten eingeschränkt ist. Grund ist die allgegenwärtige Angst vor der gefürchteten Fahrerablenkung – ist es nicht genauso gefährlich eine (Smart-Home-)App im Auto zu bedienen wie ein Handy? Die Folge sind die bereits erwähnten uniformen User Interfaces und strenge Zertifizierungsvorschriften. Als Standard ist hier DIN ISO 15008 “Specifications and test procedures for in-vehicle visual presentation” zu nennen, der unter anderem folgende kritischen Punkte anspricht:

  • Minimale Textgrößen
  • Minimale Größen für Schaltflächen
  • Empfohlene Werte für Kontrastverhältnisse bedingt durch Sonneneinstrahlung oder minderwertige Displays

Weitere wichtige Aspekte, die bei Gestaltung einer Car-App beachtet werden sollten, sind:

  • Flache Navigationshierarchien, die der Benutzer einfach nachvollziehen kann
  • Große Grafiken / Icons statt Text
  • Konsistente Anordnung von UI-Elementen wie z.B. Schaltflächen
  • Alternative Eingabemethoden via Sprache, Knob oder Tasten am Lenkrad sollten bei der Implementierung berücksichtigt werden
  • Sprachausgabe für lange Texte
  • Keine Live-Streams, aber ggf. periodische Updates von Einzelbildern mit langem Intervall
  • Zurückhaltender Umgang mit Dialogen und Fehlermeldungen

Klingen diese Punkte auf den ersten Blick zunächst sehr allgemein, wird man sich ihrer Auswirkungen das erste Mal richtig bewusst, wenn man versucht, ein Design mit den genannten Vorgaben zu gestalten. Nicht selten braucht man mehrere Anläufe, um ein ursprünglich komplexes oder stark datengetriebenes Interaktionskonzept auf das Notwendigste zu reduzieren.

Trotz der simpel klingenden Einschränkungen, kann es schnell passieren, dass man (absichtlich oder unabsichtlich) gegen eine der oben genannten Regeln verstößt. In diesem Fall sichern sich die genannten Plattform-Hersteller durch zusätzliche Zertifizierungen ab, die es im Rahmen des Entwicklungs- und Release-Zeitplans zu erfüllen gilt.

Wie fange ich also an?

Zunächst sollte man sich über die Kernfunktionalitäten der Anwendung klar werden, die für den Nutzungskontext “Fahrzeug” interessant sind. Die ausgewählten Features sollten sich klar dadurch auszeichnen, dass die benötigten Informationen und Interaktionen auf ein Minimum reduziert werden können. Ein gutes Beispiel hierfür bieten gängige Wetter-Apps, die große Mengen von Mess- und Simulationsdaten auf eine Grafik und einen Wert herunterbrechen. Aus diesem Grund eignet sich auch nicht jede bestehende App für dein Einsatz im Fahrzeug. Während Reiseführer, Instant-Messenger, Filialfinder oder die oben genannten Smart-Home-Aspekte als Funktionalitäten einer Car-App sicherlich von Vorteil sind, kann die Sinnhaftigkeit einer klassischen Textverarbeitung auf einer Head-Unit angezweifelt werden.

Wurde der gewünschte Funktionsumfang festgelegt, ermöglichen es alle genannten Plattformen, bereits bestehende Apps um Car-App-Funktionalitäten zu erweitern. Hat man sich zwischen Apples CarPlay, Googles Android Auto und MirrorLink entschieden und die Gestaltungsrichtlinien sowie Zertifizierungsanforderungen der jeweiligen Technologie verinnerlicht, unterscheidet sich die Umsetzung der Car-App nur noch durch einen erhöhten Testaufwand und die abschließende Zertifizierung.

Über Robert Schweda

Robert ist Berater im Bereich Mobile Development und arbeitet vorwiegend in IoT-Projekten. Darüber hinaus interessiert er sich für das Thema Cloud-Systeme.