Usability im Scrumprozess – Ergebnisse des Workshops auf der Mensch und Computer 2016

Jedes Jahr findet die Mensch und Computer bzw. Usability Professional Konferenz in Deutschland statt. Dieses Jahr haben sich wieder insgesamt knapp 700 Teilnehmer aus Wissenschaft und Praxis in Aachen getroffen, um sich über Trends, Projekte und Best Practices auszutauschen. Auch mit dabei: das Usability Team von itemis. In Kooperation mit Sandra Riedewald von TRUMPF Werkzeugmaschinen GmbH & Co. KG durften wir direkt am ersten Konferenztag mit einem interaktiven Workshop zum Thema „Usability im Scrumprozess“ starten.

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Abbildung 1: Das itemis Usability Team auf der MuC 2016

Der Workshop: So gelingt erfolgreiche Softwareentwicklung

Nach einem kurzen Einführungsvortrag über Themen wie die Integration des User-Centered Design Prozesses in einen agilen Entwicklungsprozess oder die Nutzung von entsprechenden Tools zur Verlinkung, Visualisierung und Dokumentation von Usability Artefakten, wurde mithilfe der Kopfstand-Methode die Diskussionsrunde eröffnet.
Das Ziel dieser Methode war es, Kriterien für die erfolgreiche Durchführung eines agilen Softwareentwicklungsprojektes abzuleiten, in dem man sich jedoch zunächst darauf konzentriert, was alles schief laufen kann. Dazu wurden in der 37 Teilnehmer großen Runde zunächst auftretende Probleme gesammelt, um die entsprechenden Kriterien im Nachgang herleiten zu können.

Wie wir feststellen konnten, gibt es viele Möglichkeiten und Wege ein Projekt gegen die Wand zu fahren. Hier möchten wir nur einen kleinen Auszug aus den gesammelten Problemen vorstellen:

  • Ein festes Feature-Set oder Release-Datum kann die Arbeit eines Usability Engineers erheblich behindern.
  • Oftmals wird das Testing aus Zeitgründen komplett übergangen. Das Projektteam hat oder nimmt sich keine Zeit für Prototyping.
  • Wenn doch getestet wird, dann sind es oft die Designer selbst, die ihre Produkte testen. Es werden keine echten Nutzer in den Test einbezogen.
  • Die Dokumentation gerät zu kurz, Ergebnisse werden nicht richtig festgehalten.
  • Scrum ist das Schlagwort, wird vom Unternehmen jedoch nicht richtig umgesetzt.
  • Die Entwicklung ist rein technologiegetrieben.

Aus diesen Ergebnissen konnten mehrere Kriterien abgeleitet werden, die notwendig für eine gute und erfolgreiche Softwareentwicklung sind:

  • Echte Agilität, Raum für Lernprozesse.
  • Effektive Kommunikation.
  • Einheitliche Nutzung von Tools.
  • Nachverfolgbarkeit, Verantwortlichkeit, Planbarkeit, Zusammenarbeit.
  • Priorisierung und Wissenstransfer.

Die zweite Phase des Workshops bestand anschließend darin, in Kleingruppen unter Berücksichtigung dieser Kriterien zwei verschiedene Themenschwerpunkte zu bearbeiten. Die eine Hälfte der Teilnehmer, die "Prozess und Strukturen"-Gruppe, befasste sich mit der Integration des User-Centered Design Prozesses in agile Softwareentwicklungsprojekte, wohingegen sich die übrigen Workshopteilnehmer mit Tools und Werkzeugen für eine sinnvolle Unterstützung dieses Ablaufs beschäftigten.

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Abbildung 2: "Usability im Scrumprozess" – Workshop auf der MuC 2016

Jede Kleingruppe konnte mit Hilfe von Vorlagen und Templates ihre Schwerpunkte bearbeiten. Die "Strukturen und Prozesse"-Gruppe konzentrierte sich auf die Beantwortung von Fragen wie "Wer hat die Entscheidungshoheit über die UX?", "Wie setze ich gute UX durch?" oder "Wird UX vollständig integriert oder muss erst das komplette Konzept vorliegen?"

Die Toolgruppe diskutierte über die Planung von Usability Aktivitäten, die Kontrolle und Visualisierung des Projektstatus oder die Dokumentation von Ergebnissen mit Hilfe geeigneter Werkzeuge.

Die Ergebnisse: Viele Wege führen zum Erfolg

Die Teilnehmer der "Prozess und Strukturen"-Gruppe waren sich in einem Punkt alle einig: Es gibt nicht die eine richtige Antwort auf die oben genannten Fragen. Es gibt sehr viele verschiedene Möglichkeiten, den Usability Engineer in einen agilen Entwicklungsprozess miteinzubinden – ob als rechte Hand des Product Owners oder als Scrum-Team-Mitglied. Ersteres kann zu einer Distanz zwischen Usability Engineer und Entwicklern führen, wohingegen letzteres ein Priorisierungsproblem zwischen Konzeption und Umsetzung hervorbringen kann. Ist der Usability Engineer Teil des Entwicklungsteams, kann eine gewisse Transparenz über Entscheidungen garantiert oder Styleguides leichter etabliert werden.

Innerhalb der Gruppen wurde ebenfalls viel über verschiedene Prozesse diskutiert. Dabei standen drei Prozesse im Vordergrund:

  • UX als Scrum-Input
  • UX einen Sprint voraus
  • UX vollständig integriert

Dient UX als Scrum Input, macht der Usability Engineer Vorgaben zum Konzept und Umsetzungsende, während die Entwickler die Umsetzung durchführen. Das Ergebnis wird dann erneut vom Usability Engineer geprüft. Voraussetzung hierbei ist, dass rechtzeitig Input geliefert wird und eine schrittweise Überprüfung erfolgt.

Ist UX immer einen Sprint voraus, ist die Taktung strenger. Der Usability Engineer liefert alle Vorgaben im Voraus und die Umsetzung durch die Entwickler folgt einen Sprint später. Eine abschließende Prüfung erfolgt auch in diesem Fall. Der große Nachteil ist jedoch, dass jede Idee und Änderung mindestens zwei Sprints dauert – auch Kleinigkeiten.

Dieses Problem tritt nicht auf, wenn das Usability Engineering vollständig in einen Sprint integriert ist. Alles geschieht in einem Sprint und in enger Interaktion mit den Entwicklern. Dieses Prozessmodell eigenet sich jedoch weniger für aufwändige Entwicklungen, sondern ist für kleinere Neuerungen geeignet.

Die Toolgruppe konnte insgesamt drei Tools herausstellen, welche an vielen Stellen im gesamten Entwicklungsprojekt eingreifen und dabei die Usability Aktivitäten unterstützen können. Unter anderem wurde Jira vorgestellt, das für das Aufgabenmanagement in Projekten, Fehlerverwaltung, Problembehandlung und operatives Projektmanagement genutzt wird. Jira unterstützt nicht nur den Product Owner und die Entwickler, sondern kann auch dazu beitragen, Usability Aktivitäten zu integrieren und überwachen. Mit Hilfe von Epics oder Ticketlabels können eigene Bereiche z.B. für das Usability Testing oder aber für die Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse genutzt werden. Gerade die Priorisierung im Backlog führt zu einer transparenten Darstellung aller Aktivitäten und Nachvollziehbarkeit für die Beteiligten. Im Zusammenspiel mit Confluence, einem Tool, das als Kommunikationsplattform, Wiki und generell für das Wissensmanagement genutzt wird, bietet Jira viele Vorteile. Confluence kann ebenfalls bei der Projektplanung und
-überwachung zum Einsatz kommen und überstützt die Nachverfolgbarkeit, Planbarkeit und den Wissenstransfer. Nachteilig wurden das Benachrichtungskonzept und die sehr komplexe und teilweise verwirrende Strukturierung bzw. Informationsüberflutung empfunden.

Unser Fazit

Der Workshop "Usability im Scrumprozess" ist trotz des überfüllten Raumes gut angenommen worden und führte zu interessanten Diskussionen. Wir konnten feststellen: Jeder macht es anders, aber alle wollen das Gleiche – Best Practices und Success Stories. Wir werden das Thema daher auf jeden Fall weiter verfolgen.

Unser Fazit der diesjährigen Mensch und Computer Konferenz fällt aufgrund guter Workshops, interessanter Vorträge und freundlichem Networking sehr positiv aus. Es hat sich gelohnt und wir freuen uns nächstes Jahr wieder aktiv dabei zu sein.

Wenn Sie noch weitere Informationen über Tools und Werkzeuge für den Einsatz von Usability im Scrumprozess bekommen möchten, schauen Sie sich unsere gesammelten Ergebnisse des Wokshops an. Dort finden Sie auch das leere Tool-Template.

 

Download Tool-Template 

Über Katharina Lattenkamp

Katharina Lattenkamp vereint die Rollen des Usability Engineers und Product Owners bei der itemis AG. Sie unterstützt Kunden bei der Planung und Durchführung von Usability-Maßnahmen in agilen Softwareentwicklungsprozessen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Agile Methoden, Usability Testing und Agile UX.