Pokémon Go: Nutzerfreundlich oder nicht?

In einer Umfrage zur Usability von Pokémon Go habt ihr uns wissen lassen, dass ihr die Usability des Spiels nur für mittelmäßig befindet. Wir haben uns die App daher einmal genauer angesehen und aufgedeckt, wo Verbesserungspotential besteht.

Wir sind also in die Rolle eines Pokémon Go Trainers geschlüpft und haben uns das Ziel gesetzt, "der Allerbeste zu werden". Bei der Nutzung der App ist uns so einiges aufgefallen.

Ohje – habe ich direkt beim Start der App schon einen Fehler gemacht?

Was macht man natürlich zu Beginn? Man startet die App. Was uns zunächst aufgefallen ist, ist der lange Splahscreen, der uns die Herstellernamen Niantic und The Pokémon Company zeigt. Fortschrittsanzeige: Fehlanzeige. Danach wechselt die App direkt zum nächsten Startscreen, auf dem der Nutzer warten muss. Diesmal gibt es zwar eine Fortschrittanzeige und diese springt schnell auf knapp ein Viertel, danach verharrt sie aber auf unbestimmte Zeit. Wie lange man warten muss, ist nicht ersichtlich. Gleichzeitig kann man sich bei Betrachtung des Startbildschirms fragen: habe ich schon irgendwo einen Fehler gemacht? Denn ein großes rotes Ausrufezeichen über dem Kopf von Garados zeigt uns an: irgendwas ist doch im Busch.

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Verbesserungsvorschläge:

  • Der Splashscreen sollte möglichst kurz angezeigt werden, um die Wartezeit zu reduzieren.
  • Die Fortschrittanzeige auf dem Startscreen sollte einen kontinuierlichen Fortschritt zeigen und eine ungefähr verbleibende Wartezeit.
  • Das Ausrufezeichen in der Grafik sollte entfernt oder farblich geändert werden.

Einrichten der App oder: Die Suche nach einem geeigneten Namen

Nun gut, die Wartezeit überwinden wir irgendwann, auch wenn das natürlich der Effizienz der App entgegenwirkt. Beim ersten Start der App geht es jetzt darum, die App initial einzurichten, d.h. vor allem, seinen Avatar zu individualisieren. Problematisch wird es bei der Suche nach einem Namen: aufgrund des Hypes um die App herum gibt es mittlerweile wahnsinnig viele Spieler. Das heißt auch: sehr viele Namen sind bereits vergeben. Man gibt also einen Wunschnamen ein und was passiert? Die App zeigt einen Dialog an: "Dieser Name steht nicht zur Verfügung." Der Vorgang "Namenseingabe" und "Fehlerdialog" wiederholt sich unzählige Male, bis man irgendwann einen äußerst eigenartigen Namen wählt, um überhaupt die App nutzen zu können. Dies frisst sehr viel Zeit.

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Verbesserungsvorschläge:

  • Die App könnte Alternativvorschläge für Namen anbieten oder einen Namensgenerator anbieten, der z. B. verfügbare Endungen an individuelle Namen anhängt.

Erlernen der App – wie fange ich Pokémon, wie kämpfe ich?

Grundsätzlich wird man beim Erlernen der Basisfunktion der App unterstützt. Ein kurzes Tutorial zeigt, was Pokéstops und was Arenen sind und auch das Onboarding funktioniert, da sich der Spieler sofort sein eigenes erstes Pokémon fangen kann. Hinsichtlich der Lernförderlichkeit ist das schonmal gut. Andererseits gibt es viele Funktionen, die im Tutorial nicht abgedeckt sind und die sich ohne Erklärungen nicht direkt erschließen:

  • Was bedeuten zum Beispiel die Fußspuren unterhalb eines Pokémons in der Nähe?
  • Was bedeutet ein Blätterrascheln?
  • Wie kämpft man effizient in einer Arena? (Gerade bei den ersten Kämpfen ist man schnell vom Arenakämpfer geschlagen und hat nicht einmal die Gelegenheit herauszufinden, wie das Kämpfen eigentlich funktioniert)

Verbesserungsvorschläge:

Dass einige Funktionen nicht wirklich verständlich sind, impliziert, dass intuitivere Interaktionskonzepte notwendig sind, oder kompliziertere Funktionen in das Tutorial eingebunden werden sollten. Aktuell hat der Nutzer nur die Möglichkeit, sich die vielen Forenbeiträge durchzulesen oder Pokémon-Go-Guidelines herunterzuladen.

Technische Probleme trüben das Spielerlebnis

Um eine gute Usability zu erreichen, muss der Spieler seine Aufgaben mit der Anwendung erfüllen können (= Effektivität) und dies mit möglichst mit wenig Ressourceneinsatz, wie z. B. Zeit (= Effizienz). Leider kommt es während des Spielens immer wieder dazu, dass die App abstürzt, sie kein GPS-Signal empfängt, keine Serververbindung hergestellt werden kann, oder andere Fehler auftreten (z. B. dass die Spielfigur einfach nicht mehr angezeigt wird). Zudem ist die App je nach Endgerät sehr langsam, Animationen oder auch kleinste Interaktionen, wie das Scrollen, erfolgen nur mit großen Verzögerungen und unter Ruckeln. Das führt natürlich dazu, dass das Ziel, Pokémon zu fangen, entweder gar nicht oder nur mit viel Aufwand erreicht werden kann. Sehr frustrierend.

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Hilfe – ich komme an die Buttons nicht heran

Es gibt in der App einige weitere Probleme, die dazu führen, dass man sein Ziel nur schwer erreichen kann und diese sind oftmals graphischer Natur. So überdecken sich Funtkionen/Buttons und Infotexte immer wieder. Zum Beispiel befindet sich der "x"-Button im linken Screenshot über einem Infotext in der Standard-Kontoansicht. Auch überdecken Hinweistexte häufiger Titel und Funktionen, zum Beispiel wie im rechten Screenshot: der Hinweis "Besuche einen PokéStop" überdeckt die "Einstellungen" im Menü.

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Grundsätzlich ist auch das Verhalten hinter dem "x"-Button nicht immer einheitlich: Teilweise geht man über diesen eine Unterseite zurück, teilweise verlässt man ein Menü vollständig und kehrt direkt auf den Hauptbildschirm zurück.

Pokémon Go überzeugt zwar nicht durch eine überragende Usability, aber wir spielen es trotzdem – warum?

Unser Gesamteindruck ist, dass die Usability von Pokémon Go einiges an Verbesserungspotential aufweist. Dies deckt sich mit den Ergebnissen aus unserer Umfrage: Auch ihr habt die Usability der App als nur mäßig eingeschätzt. Der "Allerbeste" mit dem jetzigen Stand der App zu werden, ist gar nicht so einfach und teilweise auch recht frustrierend.

Warum spielen wir Pokémon Go aber trotzdem? Dies hat nicht zwingend nur etwas mit der Usability eines Produktes zu tun, sondern auch mit der User Experience und hier machen die Hersteller von Pokémon Go einiges richtig. Lest mehr über den Unterschied von Usability und User Experience am Beispiel von Pokémon Go.

Über den Autor

Sandra Schering leitet den Bereich Usability Engineering bei der itemis AG. Zudem unterstützt und berät sie Kunden bei der Einführung, Planung und Durchführung von Usability-Maßnahmen in Softwareentwicklungsprozessen.