Agile Softwareentwicklung, Software Development, Agile & Usability

Die Gans, die goldene Eier legt – Agile Software­entwicklung in Teams

Dein Unternehmen befindet sich gerade in einer agilen Transition? Als Vorgesetzter hast du deine Mitarbeiter zu einer – lass mich raten – zweitägigen Scrum-Schulung geschickt. Geholfen hat es nicht wirklich. Heißt das, agile Softwareentwicklung ist nichts für euch? In diesem Artikel erklären wir dir, wie das Agile-Fluency™-Modell dir dabei helfen kann.

In einer Lean-Coffee-Session haben wir, agile Coaches aus verschiedenen Ländern, über das Thema „Die Weiterentwicklung der Mitarbeiter und die Rolle des Managements“ gesprochen. Dabei ist mir die Geschichte „Die Gans, die goldene Eier legt“ von Aesop durch den Kopf gegangen.

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Hier eine kurze Zusammenfassung der Geschichte:

Eines Tages entdeckt ein armer Bauer im Nest seiner Lieblingsgans ein goldenes Ei. Er lässt es überprüfen und stellt fest, dass es sich dabei um echtes Gold handelt. Die Gans legt jeden Tag ein goldenes Ei. Der Bauer wird dadurch reich. Eines Tages schlachtet er die Gans, um das ganze Gold auf einmal zu haben. Die Gans ist tot, und es gibt keine goldenen Eier mehr.

Was würdest du machen, wenn du so eine Gans besäßest? Auf gar keinen Fall töten? Dafür sorgen, dass es der Gans immer gut geht und sie lange lebt? Sicherstellen, dass sie weiter gut ernährt wird und Eier legen kann?

Stephen R. Covey erklärt anhand dieser Geschichte in seinem Buch „Die 7 Wege zur Effektivität“ das „P/PK-Gleichgewichtsprinzip“. P steht für Produktion (Production) und PK für die Produktionskapazität (im Englischen PC für „Production Capacity“). Im obigen Beispiel sind die goldenen Eier die Produktion. Die Gans kennzeichnet die Produktionskapazität, die diese Produktion erzeugt. Die Effektivität basiert nach Covey auf einem Gleichgewicht von P und PK.

Kennst du deine P und PK?

In einem Softwareentwicklungsprojekt ist aus meiner Sicht die wertschöpfende Software die Produktion, die das Team – die Produktionskapazität – realisiert. Wie sorgst du dafür, dass deine Mitarbeiter möglichst lange Zeit produktiv arbeiten? Deine Investitionen in der Form von Weiterentwicklung von Mitarbeitern fließt in die Produktion. Wie definierst du einen Investitionsplan für deine Mitarbeiter? Woran erkennst du, dass die Investitionen sich gelohnt haben?

Es ist leicht gesagt, eine Organisation solle in die Weiterentwicklung ihrer Mitarbeiter investieren. Fast alle Organisationen machen das bereits. Hast du Angst, dass es sich in deinem Fall nicht auszahlen könnte? Dass die agile Softwareentwicklung nicht die Versprechen hält, die dir bei der agilen Transition gemacht wurden? Oder wüsstest du gern, wie ein Investitionsplan aussehen kann? Eine Möglichkeit zu mehr Transparenz bietet das Agile-Fluency™-Modell.

Das Agile-Fluency™-Modell (AFM)

Diana Larsen und James Shore formulierten das Agile-Fluency-Modell im Jahr 2012 und veröffentlichten es auf der Website von Martin Fowler. Inzwischen gibt es eine eigene Website, auf der du dich im Detail über dieses Modell informieren kannst. Jahrelange Erfahrungen, die die beiden seit den späten 1990er-Jahren beim Unterstützen von Entwicklungsteam gesammelt haben dienen als Input für das Modell.

Der Artikel auf der Website von Martin Fowler wurde im letzten Jahr aktualisiert und um neue Erkenntnisse erweitert. AFM definiert die folgende vier verschiedenen Fluency-Zonen1:

  1. Focusing: In dieser Zone fokussiert sich das Team darauf, einen Geschäftswert zu generieren. Ein Team, das in dieser Zone »fluent« (flüssig, kompetent, versiert, sicher) ist, reagiert auf die Geschäftsanforderungen.
  2. Delivering: Das Team strebt technische Exzellenz an. Das Produkt wird so oft wie möglich geliefert, um schnell einen Return on Investment zu erzielen.
  3. Optimizing: Das Team, bestehend aus Entwicklern und Business-Experten, übernimmt die Verantwortung für das Produkt.
  4. Strengthening: Die gesamte Organisation steht im Mittelpunkt. In dieser Zone arbeiten mehrere Teams zusammen, um die Organisation zu verbessern.

Als Manager/Teamleiter hast du eine Vision, ein Ziel (P), das du mit deinem Team (PK) erreichen möchtest. Mit Hilfe des Modells kannst du die richtige Zone wählen, um das Ziel effizient und nachhaltig zu erreichen. Anhand der gewählten Zone lässt sich ein Investitionsplan erstellen – je nach aktuellen Stand des Teams.

Der Finanzvorstand fragt den CEO: „Was, wenn wir in die Entwicklung unserer Mitarbeiter investieren und sie uns dann verlassen?“ CEO: „Was, wenn wir es nicht tun und sie bleiben?“

-Autor unbekannt-

Warum investieren?

Auf diese Frage hat mich schon einmal jemand provokativ zurück gefragt: „Warum soll ich investieren?“. Ganz einfach: Weil dein Team deine PK ist! Ohne PK kein P. Je hochwertiger das Produkt ist, das du entwickeln möchtest, umso mehr solltest du in dein Team investieren.

Stell dir vor, die Gans legt mit normalem Futter Eier aus nur 4-karätigem Gold. Und wenn sie minderwertiges Futter bekommt, könnte das die Lebenszeit der Gans verkürzen. Wenn du aber ein Spezialfutter verwendest, erhältst du Eier aus 22- oder 24-karätigem Gold, und die Gans lebt länger. Wenn dir die Eier aus 22 karätigem Gold nicht interessieren und die Gans auch nicht wichtig ist, brauchst du nicht viel unternehmen.

Nur selten wird ein Software-System mit dem Ziel entwickelt, schon nach kurzer Zeit nicht mehr verwenden zu werden. Organisationen lassen neue Systeme entwickeln, die lange nutzbar und bei Bedarf auch erweiterbar sind. Viel zu häufig erlebe ich als agiler Coach aber Projekte, die nach sehr kurzer Zeit einen Zustand erreicht haben, in dem eine Weiterentwicklung mit sehr hohem Aufwand verbunden ist.

Solch ein System bezeichnet man als Legacy-System. Ein wesentlicher Grund aus meiner Sicht sind technischen »Schulden«, die sich durch fehlende Skills des Teams in der Software angesammelt haben.

Eine Scrum-Schulung hilft hier nicht.

Auch ein agiler Coach kann dieses Problem nicht innerhalb von Tagen oder Wochen lösen. Ein Coach kann allenfalls Transparenz schaffen und aufzeigen, wo das Problem liegt. Legst du auf die Entwicklung einer nachhaltigen Software Wert, solltest du in die technische Exzellenz deines Team investieren.

Fazit

Wie bereits erwähnt, helfen dir die definierten Zonen im AFM, wenn du einen entsprechenden Investitionsplan für deine Mitarbeiter erstellst. Hast du dein Ziel im Auge, kannst du sehr früh agieren und bei einer agilen Transition einen solchen Investitionsplan aufstellen. Je nach Zustand des Produktes und des Könnens (der Skills) deines Teams gibt AFM dir auch einen Richtwert, wie lange das Team braucht, um die Zielzone zu erreichen. Aus meiner Sicht sollte sich ein agiles Team in mindestens einer dieser Zonen befinden. Ist dies nicht der Fall, entwickelt ihr noch nicht agil!

Hast auch du Erfahrungen mit agiler Softwareentwicklung? Was ist dir in deinen Projekten aufgefallen? Erzähle uns gerne von deinen Erfahrungen als Kommentar zu diesem Beitrag.


1 Eine Zone, in der ein Team sicher und flüssig unterwegs ist.

   
About Muhammad Ali Kazmi

Muhammad Ali Kazmi ist Leiter des Standortes Frankfurt der itemis AG. Als Scrum Master und Agile Coach berät er seit mehreren Jahren Kunden im Finanzsektor und Verlagswesen.