Card Sorting: Einfach und schnell zur neuen Navigationsstruktur

Alle Anwendungen, egal ob Website der App, haben eins gemeinsam: Zentrales Element ist die Navigation. Ist diese unintuitiv, chaotisch und kompliziert, trübt das die Usability enorm.

Entsprechend häufig tritt für Entwickler einer der folgenden zwei Fälle ein:

Fall 1: Ich bin gerade am Beginn eines Projekts und möchte direkt von Anfang an mit einer guten Navigationsstruktur starten.

Fall 2: Ich habe schon eine bestehende Struktur, die ich verbessern oder zumindest überprüfen möchte.

Die Frage, die sich in beiden Fällen stellt: Wie komme ich eigentlich zu einer guten Navigationsstruktur?

Eine Methode, die dabei sehr hilfreich sein kann, ist das so genannte Card Sorting.

Ein Card Sorting ist schnell und kostengünstig aufgesetzt und kann bereits in frühen Phasen der Entwicklung helfen, eine nutzerfreundliche Navigation zu entwickeln. Mit dieser Methode wird nicht nur sichergestellt, dass die Struktur nicht in sich verschachtelt ist, sondern dass sich die späteren Nutzer schnell zurechtfinden und ein gutes Nutzererlebnis haben. Außerdem können bestehende Strukturen ohne viel Aufwand auf ihre Nutzerfreundlichkeit getestet und bewertet werden.

Wie geht Card Sorting?

Card Sorting kann man direkt mit ein paar Karteikärtchen oder aber auch digital durchführen. In beiden Fällen geht es darum, dass eine Person (am besten potentielle Nutzer oder zumindest Personen, die ähnliche Eigenschaften wie die späteren Nutzer haben und damit in dieselbe Persona-Gruppe gehören) im ersten Schritt eine ausgewählte Menge an Begriffen bekommt und diese Kategorien zuordnen soll. Da es sich beim Card Sorting um eine quantitative Methode handelt, sollten mehrere Personen an diesem Experiment teilnehmen.

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Bei der Auswertung wird genau geschaut, welche Begriffe sich am häufigsten in denselben Kategorien befinden. Diese Gruppen bilden dann einen Bereich der Navigationsstruktur ab. Stellt sich heraus, dass sich einige Begriffe nicht so einfach zuordnen lassen, sollte man z. B. noch einmal über die Benennung nachdenken.

Welche Arten des Card Sorting gibt es?

Aber nochmal langsam von vorne: Es gibt verschiedene Arten, wie ein Card-Sorting-Experiment durchgeführt werden kann (ganz abgesehen davon, ob es nun mit Karteikarten oder digital realisiert wird).


Offenes Card Sorting

Hierbei werden der Person, die das Card Sorting durchführen soll, keine Kategorienamen vorgegeben. Der Teilnehmer muss daher die Karten zuerst in eine logische Gruppierung bringen und diesen einzelnen Gruppen anschließend einen treffenden Namen geben.

Der Vorteil dieser Card Sorting Art ist, dass die Ergebnisse vollkommen unterschiedlich aussehen können und somit neue Denkweisen angestoßen werden können.


Geschlossenes Card Sorting

Bei geschlossenen Card-Sorting-Experimenten wird dem Teilnehmer bereits zu Beginn vorgegeben, welche Kategorienamen es gibt. Die Aufgabe besteht darin, die einzelnen Begriffe den Kategorien zuzuordnen. Diese Methode eignet sich besonders gut, wenn es bereits eine Struktur gibt, bei der die Oberbegriffe nicht angepasst werden sollen.

Neben diesen zwei Ausprägungen des Card Sorting gibt es weitere Varianten, die zu Beginn festgelegt werden können – zum Beispiel:

  • Vorgaben, wie viele Kategorien beim offenen Sorting angelegt werden dürfen
  • die Freigabe, noch weitere Kategorien beim geschlossenen Card Sorting zu erstellen
  • Hierarchisches Card Sorting, bei dem Begriffe in weitere Unterkategorien eingeteilt werden
  • Card Sorting, bei dem ein Begriff mehrfach zugeordnet und dupliziert werden darf
  • und darauf natürlich jeweils noch weitere Schnittmengen.

Reversed Card Sorting

Diese Art von Card-Sorting-Experimenten unterscheidet sich von den zuvor vorgestellten, da die Personen hier mit einer bestehenden Navigationsstruktur konfrontiert werden und ihre Aufgabe jeweils darin besteht, bestimmte Begriffe innerhalb der Struktur wiederzufinden. Untersucht wird, wie viele Personen die Begriffe auf Anhieb finden und bei welchen Begriffen mehrere Versuche notwendig sind.

Wo fängt man an?

Je nachdem wie umfangreich die Struktur ist, die mit Hilfe des Card Sortings gebildet werden soll, macht es Sinn, das Card Sorting aufzuteilen und verschiedene einzelne Themen auszugliedern. Je nach Anwendungsfall ist es außerdem sinnvoll, die Card-Sorting-Experimente mehrstufig aufzubauen, also zum Beispiel zuerst mit einem offenen Card Sorting zu starten und dann mit den größten Übereinstimmungen der Kategorienamen ein geschlossenes Card Sorting durchzuführen. Nachdem dann eine Struktur gebildet wurde, bietet es sich an, diese durch ein Reversed-Card-Sorting erneut zu testen.

Über Jasmin Kuhn

Jasmin Kuhn ist stellvertretende Standortleiterin der itemis AG in Paderborn. Als Usability Engineer und Product Owner unterstützt sie Kunden u.a. bei der Planung und Durchführung von Usability-Maßnahmen in Softwareprojekten.