Usability Engineering: Alles aber nicht innovativ?

Wenn ich Kritikern von Usability Engineering, Design Thinking, User Experience Design und Co. begegne, höre ich immer wieder das Argument: Wenn ich mich als Usability Engineer doch immer nur in der Gegenwart bewege und analysiere, wie die Nutzer jetzt agieren – wie kann ich dann überhaupt zu Innovationen kommen?

Und die Vorwürfe gehen noch weiter: Wenn ich ein innovatives Konzept durch Nutzer evaluieren lasse, ist es dann nicht selbstverständlich, dass sie dieses als nicht intuitiv empfinden – eben weil sie es noch nicht kennen? Es entsteht der Eindruck, dass Usability Engineering Innovationen unterdrückt. Aber ist das wirklich so?

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Analyse der Gegenwart – die Basis für Ideen

Für mich ist die Antwort ganz klar: Nein! Usability Engineering unterdrückt Innovation auf gar keinen Fall. Um innovativ arbeiten zu können, müssen wir uns zunächst anschauen, welche Bedürfnisse Nutzer aktuell haben, vor welchen Problemen sie stehen und wie sie diese unter den gegebenen Umständen angehen. Durch Beobachtungen und Interviews finden wir heraus, an welchen Stellen sie umständliche und ineffiziente Lösungen nutzen oder wo aktuell noch gar keine Lösungen existieren. Es geht nicht darum, den Nutzer zu fragen, was er will (denn dann würden wir tatsächlich mit unserer Lösung in der Gegenwart bleiben), sondern wir identifizieren durch Fragetechniken seine innersten Bedürfnisse. Wichtig ist: Wir bewegen uns zunächst vollständig im Problem- nicht im Lösungsraum.

Der Problemraum als Ausgangspunkt für Innovation

Von der Unterdrückung von Innovation kann an dieser Stelle nicht die Rede sein: Der Problemraum ist im Gegenteil Ausgangspunkt für innovative Ideen – denn Innovation kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie den Nerv und die Bedürfnisse der Nutzer trifft und ihnen einen Mehrwert für das aktuelle Problem liefert. User Research und die Analyse der Ist-Situation sind daher unumgänglich.

Wer sich mit dem Usability Engineering-Prozess auskennt, weiß, dass nach der Problemidentifikation die Phase der Gestaltung folgt: Wir nehmen die identifizierten Probleme und Bedürfnisse und suchen nach einer Lösung. Das kann – muss aber nicht – die Verbesserung einer existierenden Lösung sein.

Verbesserung oder Neugestaltung?

Kreativen Lösungen sind in diesem Prozess keine Grenzen gesetzt. Was spricht dagegen, sich von existierenden Lösungen zu entfernen und etwas ganz Neues zu entwickeln? Das Usability Engineering schreibt hier nichts vor: Wir können uns sämtlichen Mitteln bedienen und unserer Kreativität freien Lauf lassen. Interdisziplinäre, kreative Teams, ausreichend Zeit und Raum für die Ideenfindung, die Analyse neuer und zukunftsträchtiger Trends, sowie Kreativmethoden sind dabei natürlich hilfreich. Sichergestellt werden muss nur, dass wir uns nicht irgendetwas, sei es auch noch so innovativ, überlegen, sondern uns immer daran orientieren, was die Nutzer wirklich brauchen.

 Aber Usability Evaluationen ersticken die Innovation doch im Keim?!

Bisher sieht also nichts danach aus, dass Usability Engineering innovative Entwicklungen behindert. Problematisch kann es eigentlich nur in der Phase der Evaluation werden. Führen wir Usability Tests mit einer bisher unbekannten Lösung durch, kann es sicherlich passieren, dass Interaktionskonzepte vom Nutzer zunächst als wenig intuitiv wahrgenommen werden. Auch können uns einige Designrichtlinien, wie die Erwartungskonformität, ausbremsen, wenn wir durch sie nur an Bewährtem festhalten.

Davon sollten wir uns jedoch nicht abschrecken lassen. Für mich stehen der iterative Ansatz des Usability Engineering und der Grundgedanke der kontinuierliche Weiterentwicklung im Mittelpunkt. Dabei können wir in der Anfangsphase der Evaluation durchaus das subjektive Feedback der Nutzer durch objektive Kriterien ergänzen, um zu prüfen, ob die neuen Lösungen tatsächlich zu einer Veränderung und einfacheren Problemlösung führen. Auch spricht nichts dagegen, eine längere Evaluierungsphase durchzuführen, in der wir uns vor allem auf Aspekte, wie die Lernförderlichkeit, konzentrieren und analysieren, ob und wie schnell sich der Nutzer an die neue Lösung gewöhnt.

Innovation? Nicht um jeden Preis

Der Nutzer und sein Feedback sollten im Usability Engineering jederzeit im Mittelpunkt der Bewertung stehen – denn nur weil wir glauben, eine innovative, zukunftsweisende Entwicklung gemacht zu haben, muss sie nicht gut und einfach nutzbar sein. Daher sollten auch Innovationen und ganz neue Lösungsansätze in regelmäßigen Feedbackzyklen hinterfragt und Schritt für Schritt verbessert werden. Und bei aller Liebe zur Innovation: Wichtig ist, dass der Nutzer unsere Lösungen als gut und hilfreich bewertet und nicht, wie neu und außergewöhnlich sie sind.

Ihr habt Fragen zum Thema Usability Engineering oder wünscht euch Unterstützung für euer Team? Wir helfen gern!

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Über den Autor

Sandra Schering leitet den Bereich Usability Engineering bei der itemis AG. Zudem unterstützt und berät sie Kunden bei der Einführung, Planung und Durchführung von Usability-Maßnahmen in Softwareentwicklungsprozessen.