Muss der Scrum Master vom Fach sein?

Immer mehr Unternehmen sind agil – oder wollen es werden. Viele von ihnen wählen Scrum als agiles Framework aus und sind daher auf der Suche nach qualifiziertem Personal. Insbesondere Scrum Master werden verstärkt gesucht.Schaut man sich die Stellenbeschreibungen an, fällt direkt auf, dass fast alle Scrum Master bestimmte, fachliche Voraussetzungen erfüllen müssen. Ein Informatik-bezogener, abgeschlossener Studiengang ist in der Regel Mindestvoraussetzung. Aber muss der Scrum Master wirklich fachspezifisches Domänenwissen mitbringen oder schränken sich Unternehmen mit dieser Voraussetzung in ihrer Suche selber zu sehr ein?

Plötzlich agil

Ich bin von Haus aus Wirtschaftswissenschaftler. Vor einiger Zeit habe ich jedoch die Seiten gewechselt und mich als Scrum Master zertifizieren lassen. Vom Fach bin ich daher nicht.

In meinem ersten Projekt habe ich ein Team bestehend aus 15 Entwicklern aus den Bereichen Mobile und Embedded begleitet – als Wirtschaftswissenschaftler wurde ich da schnell mit Begriffen konfrontiert, die ohne Google ein Leben lang ein Mysterium geblieben wären, was sowohl auf meiner als auch auf Teamseite für Unsicherheiten sorgte. Diese waren jedoch schnell aus dem Weg geräumt.

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Scrum Master: Was heißt das eigentlich?

Warum? Weil ich mich darauf konzentriert habe, was die originäre Rolle eines Scrum Mastern eigentlich ist: Er hat dafür zu sorgen, dass das Team die Regeln von Scrum versteht und einhält. Er hilft dabei, Probleme und Stolpersteine aus dem Weg zu räumen – auch wenn diese durchaus technischer Natur sein können. Diese Art der Probleme ist für den Scrum Master jedoch nicht elementar. Er soll das Team führen – jedoch nicht fachlich. Das geben schon die Rahmenbedingungen von Scrum vor: Die Retrospektiven beispielsweise legen ihren Fokus nicht auf die technische Umsetzung, sondern fokussieren sich auf das Zusammenspiel der Teammitglieder untereinander, den Umgang mit den Kunden und Verbesserungsmöglichkeiten im Gesamtprozess. Wenn ich als Scrum Master jedoch auch fachlich tief im Thema bin, kann es schnell vorkommen, dass ich meine Rolle falsch interpretiere und mich mehr mit technischen Problemen beschäftigen als mit den Problemen des Teams.

Und wenn es doch mal technisch wird?

Natürlich können wir die technische Seite nicht komplett ausblenden. Wenn sich für mich fachliche Fragen ergaben, habe ich das Team gebeten, das Problem in einfache Worte zu fassen. Nicht nur, um es für mich verständlich zu machen – es ist mindestens genauso wichtig, dass zum Beispiel Stakeholder im Sprint Review verstehen, welche Probleme sich im Entwicklungsprozess ergeben haben – denn auch sie sind in der Regel keine Entwickler. Indem diese jedoch versuchten, auch technisch schwierige Probleme in allgemein verständlichen Worten zu erklären, konnten wir gleich zwei Probleme lösen: Ich war in der Lage als Scrum Master zu helfen und die Entwickler konnten sich auf Präsentationen mit fachfremden Kunden und Stakeholder vorbereiten.

Fachwissen ist nicht alles

Sollte ein Scrum Master also zwingend Domänenwissen für seine Rolle mitbringen? Stehen nicht viel mehr andere Fähigkeiten als gute Programmierskills im Vordergrund, z.B. Fingerspitzengefühl, Moderations- und Kommunikationstalent? In einem Team mit einer guten und entspannten Atmosphäre arbeitet es sich in der Regel nicht nur leichter, sondern auch schneller und effizienter. Herausforderungen wird offener begegnet und Probleme werden erfolgreich gelöst. Und um diese Rahmenbedingungen schaffen zu können, braucht es keinen Abschluss in Informatik.

Über den Autor

Gerd Huhn hat seinen Schwerpunkt im Bereich des agilen Projektmanagements. In Projekten bekleidet er die Rollen des Scrum Masters und des Product Owners.