Usability, Agile & Usability, Design Thinking

Mehr als Brainstorming: Kreativmethoden im Design Thinking

In einem meiner vorherigen Blogartikel habe ich erklärt, was Design Thinking eigentlich ist und grob den dahinterstehenden Prozess beschrieben. Nun möchte ich euch für eine der Prozessphasen, genauer gesagt für die Ideate-Phase, Methoden an die Hand geben, die ihr einsetzen könnt, um euren Geist in Schwung zu bringen und alleine oder im Team zu Lösungsideen zu kommen.


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Die Ideate-Phase – was war das gleich nochmal?

Die Ideate-Phase ist unser erster Schritt in den Lösungsraum. In den beiden vorherigen Prozessschritten (zur Erinnerung: die Empathize- und Define-Phase) haben wir uns noch von möglichen Lösungsideen ferngehalten und uns vollständig darauf konzentriert, das Problem in seiner Gänze zu verstehen und möglichst viele Einblicke in die Bedürfnisse und Jobs (to be done) der Nutzer zu bekommen. Außerdem haben wir als Übergang in den Lösungsraum eine sogenannte How-Might-We-Frage definiert, die unsere ursprüngliche Design Challenge konkretisiert hat.

Jetzt wollen wir ausgehend von dieser Frage in der Ideate-Phase zu möglichst vielen verschiedenen Ideen kommen und kreativ werden. Im Folgenden stelle ich euch daher einige Methoden vor, die euch helfen sollen, genau diese Kreativität zu erreichen.

Crazy 8 und Solution Sketches

Bei der Crazy-8-Methode geht es darum, in acht Minuten zu acht verschiedenen Ideen zu kommen. Die Methode wird von jedem Teammitglied einzeln durchgeführt. Vorbereitend ist nicht viel zu tun: Nehmt euch einen Stift und ein DIN-A4-Blatt und faltet letzteres vier Mal in der Hälfte, sodass ihr, wenn ihr es wieder auseinanderfaltet, acht Rechtecke seht. Jetzt stellt einen Time Timer auf acht Minuten und führt jedem Teammitglied noch einmal die How-Might-We-Frage vor Augen. Sobald die Uhr startet, geht es los. Jedes Teammitglied hat nun die Aufgabe, innerhalb der acht Minuten in jedes der acht Rechtecke auf dem Blatt eine Lösungsidee für die How-Might-We-Frage zu zeichnen. Am besten sind dies acht verschiedene Ideen, es können aber auch verschiedene Varianten einer Idee sein.

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Sobald die Zeit um ist, geht es in die nächste Methode über: den Solution Sketch. Ein Solution Sketch ist ein Storyboard bestehend aus einem Titel, drei Post Its und einer optionalen kurzen Beschreibung des jeweiligen Post Its. Das Ziel ist es, sich eine der 
eigenen Ideen aus den Crazy 8 herauszupicken und zu verfeinern, um die Idee später den anderen Teammitgliedern näher vorstellen zu können. 

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Ihr versucht dabei, eine Art Story zu vermitteln: Der erste Post It beschreibt eine Ausgangssituation, der zweite eine darauf aufbauende Handlung und der dritte Post It die sich ergebende Endsituation. Der zeitliche Rahmen sind 15 Minuten.

Nachdem die Timebox verstrichen ist, klebt jeder Teilnehmer seinen Solution Sketch an die Wand und alle kommen zu einer kurzen Vernissage zusammen, in der sich alle Teilnehmer einen Überblick über die Ideen der anderen verschaffen und Fragen klären können.

Constraints und Brand Takeover

Manchmal tun sich Teammitglieder schwer, auf Ideen zu kommen, ohne Input zu haben. Wenn ihr also feststellt, dass die Ideen nur schwerfällig über den Tisch kommen, könnt ihr euch einer simplen Methode bedienen: den Constraints. Constraints sind Restriktionen, die man in die Runde werfen kann, wie z. B. "Was wäre, wenn die Lösung rund sein muss?" oder "Was wäre, wenn ihr nur 100 € zur Verfügung hättet?"

Ihr könnt euch aber auch überlegen, welche anderen Marken vor ähnlichen Probleme stehen und die Bedingung stellen: "Überlegt euch eine Lösung, die zu Apple / Jägermeister / Adidas / Pixar passen würde." Hier spricht man vom sogenannten Brand Takeover.
Die Teammitglieder sammeln nun gemeinsam, was die jeweilige Marke ausmacht und tragen dies zusammen. Falls die Marke im Team eher unbekannt ist, könnt ihr z. B. auch einfach einen kurzen Imagefilm abspielen. Dieser Input wird im nächsten Schritt genutzt, um von den aufgelisteten Punkten Lösungen zu transferieren, die auf das eigene Problem passen – und siehe da, oftmals sprudeln die Ideen dann schon ganz von alleine.

Random Word

Eine tatsächlich noch etwas ungewöhnlichere Kreativmethode ist die Random-Word-Methode. Versorgt euer Team mit Post Its und einem Stift und gebt allen 10 Minuten Zeit, nach wirklich eigenartigen Dingen Ausschau zu halten und diese in einem kurzen Stichwort auf dem Post It festzuhalten.
Ist die Zeit vorbei, treffen sich alle wieder zusammen im Raum. Jetzt werden die Zettel gefaltet und in einem Becher gemischt. Ihr könnt nun 1-2 Begriffe in der Gruppe ziehen (oder wenn ihr euch in Untergruppen aufteilt auch 1-2 Begriffe pro Gruppe) und die Begriffe an die Wand kleben. Das ist eure Basis für ein Brainstorming, in dem ihr mit Ideen aufeinander aufbaut.

Klingt schräg? Ist es auch. Aber es funktioniert überraschend gut! Wir haben diese Methode in einem Workshop selber ausprobiert: Der Begriff auf unserem Post It war „Weihnachtspalme“ (in einem unserer Büros steht eine Palme, die auch im Frühjahr mit Weihnachtskugeln behängt ist). Unsere How-Might-We-Frage war, wie wir den Bewerbungsprozess bei itemis für unsere Bewerber verbessern können. Durch gemeinsames Brainstorming kamen wir von der Weihnachtspalme auf komische Häuser, darüber wiederum auf Pippi Langstrumpf, die sich ihre Welt so macht, wie sie ihr gefällt, und von ihr dann auf die Idee, dass man Bewerbern nicht nur Gespräche sondern einen interaktiven Rundgang durch den Standort anbieten könnte, in dem sie die Arbeit unserer Kolleginnen und Kollegen ganz praktisch kennenlernen. Diese Idee musste dann natürlich noch in der Prototyping-Phase ausgearbeitet werden, aber der Grundstock war gelegt.

Die Ideen sind da – jetzt geht es um's Ausarbeiten und Prototyping

Wenn ihr diese drei Methoden austestet, stellt ihr fest, dass ihr zu vielen verschiedenen Ideen kommen werdet. Einige haben bestimmt weniger, andere mehr Potential. Wichtig ist: Ihr müsst gemeinsam am Aufbau dieser Ideen beteiligt sein. Dafür ist der Satz „Ja, und…“ zentral. Leider verfallen wir im Brainstorming viel zu schnell in ein „Ja, aber…“. Versucht dies zu vermeiden und kommt gemeinsam über ein „Ja, und“ zu neuen Ideen. Äußert jemand aus eurem Team einen Gedanken, verwerft ihn nicht direkt oder streut Bedenken, sondern baut aufeinander auf.

Wichtig ist, dass ihr euch am Ende der Ideate-Phase wieder fokussiert, denn bis hierhin seid ihr erstmal in die Breite des Lösungsraums vorgedrungen. Schaut euch alle Ideen noch einmal an und votet dann im Team, z. B. mit Klebepunkten, für die Idee, mit der ihr in der folgenden Prototyping-Phase weiterarbeiten wollt. In dieser Phase wird es darum gehen, eure Idee zu detaillieren und einen erlebbaren Prototyp zu entwerfen, den ihr danach mit Nutzern testen könnt. Aber zu dieser Phase gibt es in einem späteren Artikel mehr.

    
Über Sandra Schering

Sandra Schering leitet den Bereich Usability Engineering bei der itemis AG. Zudem unterstützt und berät sie Kunden bei der Einführung, Planung und Durchführung von Usability-Maßnahmen in Softwareentwicklungsprozessen und ist verantwortlich für die Usability von den YAKINDU-Produkten.