Scrum Zertifizierung bei Scrum Alliance oder besser bei Scrum.org?

In der agilen Softwareentwicklung kommt heute kaum noch jemand um das Thema Scrum herum. Am Anfang hat man den Eindruck alles sei recht einfach: Ein paar Rollen, ein paar Meetings, ein paar Artefakte. Kleinigkeit. Oder?

Spätestens wenn man zu dem Punkt kommt, dass es nun Zeit sei, eine Scrum Zertifizierung zu machen, wird es aber kompliziert. Nun zumindest seit dem Jahr 2009. In diesem Jahr spaltete sich nämlich die scrum.org von der Scrum Alliance ab. Letztere war bis dahin die einzige Organisation, bei der man eine Zertifizierung machen konnte.

Scrum.org und Scrum Alliance wurden beide von Ken Schwaber gegründet, sind sich heute aber spinnefeind. Wer sich für die Gründe der Abspaltung interessiert kann dies auf der "Wir über uns" Seite der scrum.org nachlesen. Dort erklärt Ken Schwaber, warum es Zeit war eine neue Zertifizierungsorganisation zu gründen.Jetzt lesen! Scrum.org, Scrum Alliance oder TÜV: Scrum Zertifizierungen  im Vergleich

In diesem Artikel geht es aber um etwas anderes. Welche Scrum-Zertifizierung ist besser? Die der Scrum Alliance oder die der scrum.org? Unterscheiden sie sich überhaupt?

Nun, zunächst einmal haben die Zertifikate unterschiedliche Namen. Certified Scrum Master bei der Scrum Alliance, Professional Scrum Master bei scrum.org.

Scrum jenseits agiler Softwareentwicklung

Wesentlich wichtiger ist aber die Unterscheidung für wen Scrum sich überhaupt lohnt. Hier gehen die Meinungen ganz schön auseinander.

Bei der scrum.org geht es ausschließlich um agile Softwareentwicklung. Leitbild und Vision sind eindeutig formuliert.

Mission: "to improve the profession of Software Development."

Vision: "A world in which all software developers love their work, and their customers love working with them."

Im Gegensatz dazu versucht die Scrum Alliance das Thema auf andere Bereiche auszudehnen:

„After all, speed, flexibility, and complexity are issues that face every department and industry – not just software development.“

Unserer Meinung nach zurecht. Die Vorteile, die Scrum bietet, können auch außerhalb der agilen Softwareentwicklung angewendet werden. Scrum sollte auf keinen Fall auf die IT beschränkt bleiben.

Spricht dies für eine Zertifizierung bei der Scrum Alliance? Nein. Auch wer sich bei scrum.org zertifizieren lässt, kommt schnell alleine auf den Schluss, dass das Gelernte übertragbar ist. 

Kursinhalte

Einen weiteren wesentlichen Unterschied gibt es in Bezug auf den Inhalt der Kurse. Dieser ist bei scrum.org immer der gleiche. Alle Trainer der scrum.org benutzen identische Schulungsmaterialien. Diese sind fast ausschließlich auf Englisch verfasst.

Die Verwendung einheitlicher Unterlagen sorgt damit sicherlich für einen gewissen Lernstandard, schränkt aber die Kreativität und die Bedeutung des Trainers stark ein.

Im Gegensatz dazu setzt die Scrum Alliance auf Vorgaben und Ziele.

Gemäß dieser Vorgaben sind die Trainer sehr frei in der Gestaltung ihrer Workshops. Manche nähern sich der Materie sehr spielerisch und versuchen, das Wesen von Scrum zu vermitteln. Andere setzen mehr auf die konsequente und richtige Anwendung der Scrum Regeln, vermitteln also „scrum by the book“.

Der Gegensatz zwischen vollständiger Standardisierung und weitgehend freier Wissensvermittlung erstreckt sich alle Schulungsaspekte. So folgt der Kursaufbau der scrum.org ebenfalls einem stringenten Muster. Professional Scrum Foundation (PSF), Professional Scrum Master (PSM) und Professional Product Owner (PSPO) bauen inhaltlich auf einander auf. PSF wendet sich dabei an Anfänger, PSPO an Fortgeschrittene. Über dieses Level weiterführende Kurse bietet die scrum.org nicht an.

Bei der Scrum Alliance ist dies nicht so einfach. Hier gibt es eine Vielzahl von Kursen, die sich zum Teil überschneiden. Man hat mehr Möglichkeiten sich mit der Materie zu nähern und tiefer in sie einzutauchen.

An dieser Stelle sollte sich jeder überlegen, welcher Ansatz besser zum eigenen Ziel und Lerntyp passt. Wer genau wissen will, was er bekommt, geht am besten zu scrum.org. Wer sich gerne mal überraschen lässt, sollte es bei der Scrum Alliance versuchen.

Prüfungen

Die Prüfungen zur jeweiligen Zertifizierung sind ebenfalls sehr verschieden. Beide Testverfahren basieren auf Multiple Choice-Fragen. Dies ist aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit.

So finden alle Scrum Alliance-Prüfungen direkt im Nachgang eines Kurses statt, wobei ein Ergebnis von ungefähr 70 Prozent zum Bestehen ausreicht.

Bei scrum.org liegt die Latte eindeutig höher. Alle Kurse müssen von den Kandidaten ohne Trainerbegleitung online absolviert werden. Im Kurs erhalten die Teilnehmer lediglich die Zugangsdaten zur Prüfung und einen kleinen Einblick in die Prüfung selbst.

Zum Bestehen werden, bei einer größeren Anzahl an Fragen, 85 Prozent benötigt.

Bei scrum.org gibt es außerdem zwei Test Level. In Level PSM I der Scrum Master Zertifizierung geht es um das fundamentale Verständnis des Scrum Frameworks. PSM II geht einen entscheidenden Schritt weiter. Hier wird detailliertes Wissen überprüft und zwar in Theorie und Praxis. Gleiches gilt für Product Owner.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es einfacher ist, bei der Scrum Alliance ein Zertifikat zu erlangen. Die scrum.org-Prüfungen sind definitiv schwieriger, haben aber auch eine andere Wertigkeit.

Kosten

Dies drückt sich auch im Preis aus. Die PSM I Prüfung kostet 150 USD. Die PSPO I liegt bei 200 USD. PSM II und PSPO II kosten je 500 USD. Allerdings können die Prüfungen auch ohne vorherigen scrum.org-Kurs abgelegt werden.

Bei der Scrum Alliance wird es schnell viel teurer. Da die Prüfungen wie gesagt an den jeweiligen Kursen hängen, zahlen Teilnehmer für die Zertifikate zwischen 400 USD und 2.400 USD. Außerdem haben die Zertifikate nur eine Gültigkeit von zwei Jahren und müssen dann erneut werden, wobei eine erneute Gebühr von 100 USD anfällt.

Alles in allem sind die Zertifikate der scrum.org damit günstiger als die der Scrum Alliance. Bedenkt man, dass man sie im reinem Selbststudium erreichen kann, sind sie sogar ein echtes Schnäppchen.

Wer ist besser?

Keiner! Beide Organisationen bieten ein gutes Kursniveau an. Letztlich verantwortlich für eine erfolgreichen Zertifizierung ist der Trainer. Diesen Trainer bzw. sein Unternehmen sollte sich jeder genau ansehen. Viele gute Trainer findet sich zum Beispiel bei scrum.de und bei oose in Hamburg.

Mit einem guten Trainer sollte die Zertifizierung kein Problem sein. Egal ob bei Scrum Alliance oder scrum.org – oder auch beim TÜV.

Für die Praxis spielt die Art des Zertifikates keine Rolle. Es nicht wichtig, wo das Zertifikat erworben wurde, sondern wie gut jeder einzelne verstanden hat, worum es geht.

Unser Rat an alle CSMs, PSMs, PSPOs usw. lautet deshalb: „Immer weiter weiterbilden!“

Scrum.org, Scrum Alliance oder TÜV:  Erfahrt mehr!

 

 

Jens Wagener